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Lovely!
Chorstudio der Hochschulen für Kirchenmusik Rottenburg und Tübingen mit Dr. Richard Marlow/Cambridge
In der ersten Juni-Woche fand in der Rottenburger Kirchenmusik-Hochschule ein Chorworkshop statt, zu dem die beiden Hochschulen für Kirchenmusik Rottenburg und Tübingen eingeladen hatten. Dabei wirkte der Hochschulchor mit, außerdem konnten auch Gäste von außerhalb aktiv teilnehmen – erfahrene Chorsänger, Chorleiter, Kirchenmusiker.
Seinen Abschluss fand der Kurs in zwei Konzerten: am Samstag, 6. Juni in der Wallfahrtskirche Weggental bei Rottenburg und am Sonntag, 7. Juni in der Tübinger Johanneskirche. Unter dem Titel „English Traditions“ standen Motetten englischer Komponisten aus dem 16. und 17. Jahrhundert von Tallis, Byrd, Tomkins, Gibbons sowie die „Hymn to St. Cecilia von Benjamin Britten auf dem Programm, ergänzt von Werken von Mendelssohn und Messiaen sowie Orgelwerken von Guy Weitz (1883-1970) und Felix Mendelssohn. (Prof. Wolfram Rehfeldt, Orgel) Die Proben fanden ganztägig in den freundlichen neuen Räumen der Rottenburger Hochschule statt. Der Gastgeber und Leiter der Hochschule, Bernhard Schmid, sorgte mit seinem Team von Anfang an für eine entspannte und motivierte Atmosphäre, sodass auch bei intensivster Probenarbeit ein Hauch von Ferienstimmung erhalten blieb. Mit Dr. Richard Marlow lernten die Kursteilnehmer einen ebenso freundlichen wie herausragend kompetenten Chorleiter kennen: aufgewachsen in der Tradition der englischen Knaben- und Collegechöre, in denen die Jugendlichen von früh an eine fundierte sängerische und gesamtmusikalische Ausbildung erhalten, studierte er in Cambridge Orgel und promovierte dort. Nach einer Dozentur für Musik an der Universität Southampton kehrte er 1968 als Professor für Musikgeschichte nach Cambridge zurück und begründete als Organist und Musikdirektor den außergewöhnlichen Ruf des Trinity College Chores, den er 1982 zum gemischten Chor erweiterte. Zusätzlich zu seiner Chorarbeit und Lehrtätigkeit hat Richard Marlow sich als Herausgeber verschiedener Artikel in Fachzeitschriften einen Namen gemacht. Er ist Gastprofessor an Universitäten von Tokio, Texas, Neuengland und Neuseeland. Seit September 2006 im Ruhestand, konzertiert er als Organist und Gastdirigent weltweit. Es war außerordentlich spannend zu erleben, wie Richard Marlow mit einem ihm völlig fremden Chor von Tag zu Tag die Probenarbeit intensivierte und verdichtete. Dabei kamen ihm drei Eigenschaften zu Hilfe, die Stefan Schuck, Professor für Chor- und Orchesterleitung, bei seiner Abschiedsrede zu Recht besonders hervorhob: Energy, Patience, Confidence!Energy: von der ersten Minute an war klar: hier geht es darum, auf höchstem Niveau zu musizieren und sich mit voller Konzentration einzubringen. Dies erreichte Marlow vor allem durch die Intensität, mit der er selbst als Chorleiter die Probenarbeit anging. Vorwiegend auswendig dirigierend wanderte er von Stimme zu Stimme, ging dicht an die Sänger heran und lockte aus ihnen mit einer souveränen Mischung aus Bestimmtheit und Freundlichkeit ihr Bestes hervor.
Patience: Vielleicht war das die Fähigkeit, die Marlow in diesen Tagen am meisten auszeichnete: ausgehend von seinen Erfahrungen als Leiter eines Collegechores, in denen alle Teilnehmer durch mehrstündige tägliche Proben und fast tägliche Auftritte in den berühmten „Evensongs“ über eine sängerische Erfahrung verfügen, die bei uns selbst an einer Musikhochschule kaum erreichbar ist, war es für ihn eine besondere Herausforderung, das anspruchsvolle Programm in wenigen Tagen auf das Niveau zu bringen, das seiner Vorstellung entsprach.
Dabei kam ihm sein gleichbleibend freundlicher und humorvoller Umgangston sehr zur Hilfe – vielleicht auch die Tatsache, dass in der englischen Sprache auch sehr dezidierte Anweisungen etwas weniger rauh klingen als es in der deutschen Übersetzung der Fall wäre:„Lovely sound, but completely wrong“„You have to practice that in the bathroom“und immer wieder: „Watch me!“, oder, kurz vor der Aufführung in intensivierter Form: „You have the duty to watch me!“Confidence: Bei aller Energie und aller Geduld: bedingt durch die Schwierigkeit der Stücke kam die Probenarbeit immer wieder, und besonders am dritten Probentag, in eine Krise – und es war sehr interessant zu beobachten, wie es Marlow gelang, den Chor aus ihr heraus zu führen: indem er in die Motivation und Leistunsfähigkeit der Gruppe vertraute und ihr die Verantwortung übergab: „It´s your decision!“ Und das Wunder geschah: am nächsten Morgen klang der Mittelteil vom Britten so vielversprechend, dass keiner mehr die Aufführung dieses Stücks in Frage stellte.
„I´m working very hard, I know“ oder „I´m asking a lot, but you can do it“ - mit diesen und vielen anderen ermutigenden Formulierungen schaffte es Marlow immer wieder, dem Chor zu vermitteln, dass es ihm nicht um Disziplin und Perfektion als Selbstzweck ging, sondern darum, dass jeder Chorsänger an seiner eigenen obersten Grenze herausgefordert wurde und dass die Musik so erklingen soll, dass sie bei der Aufführung die Zuhörer bewegt: „this lovely rising phrase sounds so much more beautiful now!“
Für alle Teilnehmer dieses Kurses, ob sie Laien, Studenten oder Profis waren: jeder bekam in diesen Tagen eine Fülle von Anregungen für die eigene Arbeit mit auf den Weg. Faszinierend zum Beispiel, wie Marlow am Chorklang, vor allem am leisesten ppp arbeitete, oder wie er den klingenden Konsonanten (n, m, usw.) viel Raum gab und damit ein fast magisches Klangkontinuum schaffte.An vielen Punkten war zu erkennen, welche interpretatorische Vielfalt er noch hätte vermitteln können, wenn die Phase des Tönelernens kürzer oder der Kurs eine Woche länger gewesen wäre! Vielleicht kommt er ja mal wieder nach Rottenburg oder Tübingen?„Hinreißend insgesamt, trotz einiger kleiner Wackler“ - wenn diese Formulierung aus dem Zeitungsbericht über das erste der beiden Konzerte noch zutreffend war: beim zweiten Konzert gestalteten Chor und Chorleiter die Musik in einer gemeinsamen Intensität, dass kein Wunsch mehr offen blieb – für alle Mitwirkende und Zuhörer ein unvergessliches Erlebnis!
Katja Rambaum

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